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Die fränkische Trojalegende berichtet von der gemeinsamen Abstammung der Franken und Römer (Galloromanen) und bringt damit auf dem Punkt, dass sich die Franken und ihr Königtum – im Gegensatz etwa zu den Alemannen – im "Haus" des römischen Reiches zurechtfinden mussten, also auf eine Zusammenarbeit mit der politisch wirksamen römischen Oberschicht angewiesen waren. So entstand seit der Spätantike die fränkisch-römische Symbiose, die es neben "Landnahme" und Eroberung gegeben hat und die zukunftsweisend wurde. Durch die Eroberungen des 6. Jahrhunderts vergrößerte sich das Frankenreich beträchtlich, es wurde zum Vielvölkerstaat, in dem neben den Galloromanen und Franken die germanischen "Stämme" der Alemannen, Burgunder oder Thüringer einbezogen wurden, ja in dem sich neue "Völker" (gentes) ausformten wie die Bayern oder die Aquitanier.
_ Der germanische Bevölkerungsanteil im ehemals römischen Teil des Merowingerreichs blieb dabei außerhalb der Rheinlande gering. Siedlungen der Franken waren hauptsächlich zwischen Loire und Rhein, in der Francia, vorhanden, die nordostgallische, sich weiter nach Osten fortsetzende Reihengräberzivilisation mit ihren Grabfunden gehört hierher. Ausfluss des Gegen- und Miteinanders von Franken und Galloromanen war u.a. die germanisch-romanische Sprachgrenze, wie sie uns besonders in den Ortsnamen entgegentritt. Sie war das Ergebnis eines meist kleinräumigen Kultur- und Sprachausgleichs, der Zweisprachigkeit in einem Sprachgrenzgürtel voraussetzte. Damit korrespondieren die sog. Mischungszonen, die das Frankenreich ausmachten und die in unterschiedlicher Weise durch keltische, römische und germanische "Kulturanteile" bestimmt waren. Die Mischungszonen spiegeln sich nicht zuletzt auch in der Verwaltung des Frankenreichs wider. In der weitgehend germanisch geprägten Paguszone entlang und östlich des Rheins standen den pagi ("Gaue"), den Landschaftsbezirken, comites bzw. grafiones als "Grafen" und Amtsträger des Königs vor; in der römisch geprägten Civitaszone südlich der Loire, in Mittel- und Südgallien, fußte die lokale Verwaltung unter Führung von comites auf den civitates, den Städten aus römischer Zeit mit ihrem Umland. Die merowingischen Dukate ("Herzogtümer") unter der Leitung eines dux ("Herzog") können dann als Mittelgewalten im Frankenreich eingestuft werden, wobei deren Umfang von der Zusammenfassung einiger civitates wie beim aquitanischen Dukat des Barontus (630er-Jahre) bis zum "stammesmäßig" geprägten "Großherzogtum" der Alemannen oder Bayern reichte. Damit hatten Letztere als regionale Grenzdukate wiederum ihre Verankerung im Frankenreich als Vielvölkerstaat, erkennbar auch an den Volksrechten (leges), den merowingerzeitlichen Rechtsaufzeichnungen.
_ All dies machte die "merowingische Mischzivilisation" des Frankenreichs aus. Gleichsam darüber gelegt war die Reichsteilungspraxis der Merowingerkönige, wobei man sich nach pagi und civitates richtete und den Modus älterer Teilungen soweit möglich übernahm. Im Verlauf der 2. Hälfte des 6. und des 7. Jahrhunderts bildeten sich gerade auch auf Grund dieser ähnlichen Teilungspraxis Neustrien ("Neu-/Westreich"), Austrien (Austrasien, "Ostreich") und Burgund als Kernlande und Teilreiche (regna, patria) des Frankenreichs aus. Die neustrischen Franken in der Francia waren die Franci im engeren Sinn, sie lebten in den Reichen von Soissons und Paris unter Einbeziehung der ehemals salischen Gebiete bis zum Rhein. Austrien war das Reimser Ostreich, das regnum Burgund (Frankoburgund) umfasste das ehemalige Burgunderreich.
_ Unter den karolingischen Herrschern Pippin dem Jüngeren (751-768) und seinem Sohn Karl den Großen (768-814) wurde das Frankenreich nochmals erweitert (Einbeziehung Aquitaniens 760-768; Eroberung des Langobardenreiches 773/74; Eroberung Sachsens 772-804; Angliederung Bayerns 788). Damit war der Rahmen für die auch unter den Karolingern vorherrschende Reichsteilungspraxis des 9. Jahrhunderts gegeben. Denn schon während der Regierung Kaiser Ludwigs des Frommen (814-840) traten Konflikte zwischen den Ludwig-Söhnen Lothar I. (814/17/843-855), Ludwig dem Deutschen (814/43-876), Pippin I. (814-838) und Karl dem Kahlen auf. Beim Tode des Vaters brach der Bürgerkrieg (840-843) aus (Schlacht bei Fontenoy 841; Straßburger Eide 842; sächsischer Stellinga-Aufstand), der mit dem Vertrag von Verdun (843) seinen Abschluss fand.
_ Fast als roter Faden durchzogen haben somit die Geschichte des Frankenreichs Phasen der politischen Einheit und des geteilten Reiches. Das Frankenreich hatte aber über fünfhundert Jah-re nicht trotz, sondern wegen der Reichsteilungen Bestand gehabt. Diese waren nämlich Ausdruck der politischen Möglichkeiten der ersten und zweiten fränkischen Königsdynastie, die als Familiengemeinschaft (Brüdergemeine) selbst eine übergeordnete Einheit repräsentierten. Als im Jahr 888 die "vielen kleinen Könige" an die Macht kamen, die nicht nur Karolinger waren, zerbrach diese durch Merowinger und Karolinger geschaffene Einheit, eine Wiedervereinigung der Teilreiche war nun nicht mehr möglich, da u.a. Könige aus verschiedenen Familien herrschten. Umgekehrt beförderte die Unmöglichkeit des Zusammenkommens dieser Bruchstücke des karolingischen Gesamtreichs die Unteilbarkeit der Teilreiche und damit einen Gedanken, der so schon im merowingischen 6. Jahrhundert partiell aufgetaucht war. Doch haben in diesen Komplex von Reichseinheit und Reichsteilung selbstverständlich politische Entwicklungen und der biologische Zufall mit hineingespielt, letztendlich führte eine Vielzahl von historischen Faktoren zum Zerfall des karolingischen Großreichs, aus dem somit ein Gutteil der (auch heute noch aktuellen) europäischen Staatenwelt entstehen sollte, allen voran Deutschland und Frankreich. Die politische und kulturelle Vielschichtigkeit Europas setzte also (vollends) mit dem Ende der durch römisches Reich und Frankenreich geprägten Epoche ein. Die beiden Großreiche, die ja im Übergang von Spätantike zum Frühmittelalter politisch und gesellschaftlich eng miteinander verzahnt waren, beeinflussten die Geschichte des ihnen zeitlich nachfolgenden Europa intensiv. Ohne das Frankenreich als Wegbereiter wäre das heutige Europa nicht vorstellbar. Dabei repräsentiert die Geschichte des Frankenreichs eine eigenständige Epoche, nicht nur von der Dauer vergleichbar mit der Zeit des römischen Reichs, dessen Erben die Franken waren.
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| | Literatur: Buhlmann, Michael, Das Frankenreich, Großmacht am Anfang des Mittelalters, Tl.1: Geschichte, Tl.2: Anhang, Tl.3: Karten (= VA 37/1-3), St. Georgen 2008, Tl.1, S.22f;
Text: Buhlmann | |