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Deutsche Geschichte im Mittelalter

Artikel: Papsttum und Kaisertum

 

Papsttum und Kaisertum

Deutsche Geschichte im Mittelalter
  In den Anfängen des Christentums erfolgte der Aufstieg des römischen Bischofs innerhalb der sich ausbildenden christlichen Großkirche zum römischen Papst (Zeit der Christenverfolgungen [1./3. Jahrhundert n.Chr.], päpstlicher Primatsanspruch [3./4. Jahrhundert]). Besonders die geglaubte Verankerung der römischen Kirche im Apostel Petrus (als "Fels der Kirche"; Matthäus-Evangelium) bzw. in den Aposteln Petrus und Paulus (christliche Kulte um Petrus und Paulus) machte aus Rom die Vorbild gebende cathedra bzw. sedes apostolica. In der Spätantike traten Papsttum und römisches Kaisertum nach der Konstantinischen Wende (Kaiser Konstantin, 306-337) in enge Beziehung (Silvesterlegende, angebliche Konstantinische Schenkung; allgemeine Kirchenkonzilien [Nicäa 325, Konstantinopel 381, Ephesos 431, Chalkedon 451]; Bischof Ambrosius von Mailand, Augustinus' De civitate dei). Papst Leo I. der Große (440-461) begriff sich als Stellvertreter Petri, vielleicht auch als Inhaber der plenitudo potestatis, der vollen kirchlichen Amtsgewalt (Ausbildung kirchlicher Strukturen, gallische Bistümer und Rom). Papst Gelasius I. (492-496) formulierte in einem Brief an Kaiser Anastasios (491-518) die Zweigewaltenlehre vom Verhältnis priesterlicher und weltlicher Gewalt (494). Am Ende der Antike stehen Laurentianisches Papstschisma (498-508; Synode von 502 [prima sedes a nemine iudicatur], der Mönchspapst Gregor I. der Große (590-614) (Langobarden in Italien, Angelsachsenmission, Papsttitel [servus servorum dei] und päpstliches Selbstverständnis), die Entfremdung des Papsttums vom oströmisch-byzantinischen Reich (7./8. Jahrhundert).
_ Die sich vom oströmischen Kaiser emanzipierenden Päpste fanden neue Verbündete in fränkisch-karolingischen Königen (Pippin, 751-768; Karl der Große 768-814); die Pippinsche Schenkung (756), veranlasst im Zusammenhang mit dem Übergang des fränkischen Königtums auf die Karolinger (751) und grundgelegt durch den Sieg der Franken über die Langobarden (754), sowie die Kaiserkrönung des patricius Romanorum Karl des Großen durch Papst Leo III. (795-816) gehören hierher (Zweikaiserproblem). Das Papsttum war fortan eng mit den Geschehnissen im Frankenreich verbunden. König Ludwig der Fromme (814-840) und dessen Sohn Lothar I. (817-855) wurden ohne Beteiligung des Papstes zu Kaisern gekrönt (813, 817; romfreies Kaisertum; translatio imperii). Mit der zweiten Kaiserkrönung Lothars I. durch den Papst (823) blieben fränkisches Königtum und Papsttum auch weiterhin verbunden (Pactum Hludovicianum 816, Constitutio Romana 825), während die Könige von nun an die Kaiserkrone aus der Hand des Papstes empfingen.
_ Unter den "italienischen Königen" war das Kaisertum nur noch regional begrenzt und erlosch beim Tod König Berengars I. (924). Das Papsttum geriet in die Verfügung römischer Adelsgruppen, die Kaiserkrönung des ostfränkischen Königs Otto I. des Großen (936-973) im Jahr 962 (Ordo ad regem benedicendum, Pontificale Romano-Germanicum) eröffnete ihm indes wieder eine überregionale Geltung (Privilegium Ottonianum 962, Errichtung des Magdeburger Erzbistums 962/67). Das Mitkaisertum Ottos II. (973-983) von 967 leitete eine Phase des romzentrierten westlichen Kaisertums ein (Theophanu und Otto II; Kaisertitel: Romanorum imperator augustus; Westbindung des Papsttums bei Verschlechterung der Beziehungen zu Byzanz; Süditalienpolitik und Schlacht bei Cotrone 982), die in der Renovatio imperii Romanorum König Ottos III. (983-1002) ihre Fortsetzung fand ("deutscher" Papst Gregor V., Kaiserkrönung 996, Gerbert von Aurillac als Papst Silvester II., Romkonzeption Ottos, Gnesenreise 1000). Ottos III. Nacholger Heinrich II. (1002-1024) wurde erst 1014 Kaiser und griff eigenmächtig in den damaligen filioque-Streit ein.
_ In der Zeit der salischen Kaiser und Könige stand das Papsttum zunächst politisch im Schatten des Kaisertums Konrads II. (1024-1039) und Heinrichs III. (1039-1056) (universale, romzentrierte Kaiseridee Konrads II.; Synode Heinrichs III. in Sutri 1046; christliche Königsideologie, Reformpapsttum und "deutsche" Päpste Clemens II., Leo IX. und Viktor II.; Kirchenschisma mit Byzanz 1054). Die lange Phase der Regentschaft(en) am Anfang der Regierungszeit König Heinrichs IV. (1056-1106) ließ das Reformpapstum selbstständiger handeln (Papstwahldekret 1059; Lateransynode gegen Nikolaitismus und Simonie 1059; Papstschisma 1061; Papst Gregor VII. [1073-1085]; Dictatus papae 1075 [?]). Die Zeit des Investiturstreits (1075-1122) sah einen sich verschärfenden Konflikt zwischen deutschem Königtum und Papsttum um Ziele der Reformkirche, Bischofsbesetzung und sich entwickelnder hierarchischer Papstkirche (Wormser Synode 1076, Exkommunikation Heinrichs IV. 1076; Gang nach Canossa 1077; päpstliche und kaiserliche Publizistik; Kaiserkrönung Heinrichs IV. 1084; Erster Kreuzzug 1096-1099; Geheimabkommen und "Pravileg" 1111), bis es im Wormser Konkordat (1122; temporalia und spiritualia, Bischofswahlen) zu einer Einigung zwischen Papst und Kaiser Heinrich V. (1106-1125) kam.
_ In der aufkommenden Stauferzeit kam es - ausgehend vom Wormser Konkordat - zu einer weiteren Feudalisierung reichskirchlicher Temporalien (1133), die sich ab König Konrad III. (1138-1152) entwickelnde staufische Herrschaftskonzeption rückte zunehmend die honor imperii und das Gottesgnadentum des (von den Fürsten zu wählenden) Königs in den Vordergrund, wobei - unter Rückgriff auf die Gelasianische Zweigewaltenlehre - seit König Friedrich I. (1152-1190) die Unabhängigkeit des deutschen Königtums von den Päpsten bei Kaiserkrönung durch die Päpste betont wurde (Konstanzer Vertrag 1152; Kaiserkrönung Friedrichs I. 1155; Hoftag von Besancon 1157; alexandrinisches Papstschisma 1159-1177 und kaiserliche Gegenpäste; Frieden von Venedig 1177; Dritter Kreuzzug 1189-1192). Das Mit- und Gegeneinander von Kaisertum und Papsttum hielt auch unter den Königen Heinrich VI. (1190-1197) und Friedrich II. (1198/1212-1250) an (Eroberung des Königreichs Sizilien 1194/95; Unio regni ad imperium und Erbreichsplan Heinrichs VI.; deutscher Thronstreit 1198-1208, Papst Innozenz III. [1198-1216] und Dekretale Venerabilem [päpstliches Approbationsrecht]; Italienpolitik Friedrichs II.; Kreuzzug Friedrichs II. 1228/29; Konstitutionen von Melfi 1231; Exkommunikation des Kaisers 1239; Konzil von Lyon und Absetzung des Kaiser 1245; "Endkampf" zwischen Kaisertum und Papsttum; Tod Friedrichs II. 1250).
_ Das Interregnum (1245/56-1273) sah ein Auseinanderdriften zwischen Deutschland und (Reichs-) Italien, von dem auch das Papsttum betroffen war, da es zwischen 1220 und 1312 keine Kaiserkrönungen mehr stattfanden. Neue Mächte traten in Erscheinung, päpstlichen Ansprüchen wie denen unter Papst Bonifaz VIII. (1294-1303) (Bulle Unam sanctam 1302) zum Trotz. Die "babylonische Gefangenschaft" der Päpste in Avignon (1309-1378) führte zu päpstlichen Vorbehalten gegenüber der Kaiserkrönung des deutschen Herrschers Heinrich VII. (1308-1313) (Romzug 1310/13; Kaiserkrönung 1312; Tod Heinrichs VII. 1313). Die Doppelwahl deutscher Könige von 1314 entfachte letztmalig im Mittelalter einen Konflikt zwischen dem Papsttum und König Ludwig dem Bayern (1314-1347) (päpstlicher Prozess gegen Ludwig 1323; Exkommunikation Ludwigs 1324; Kaiserkrönung 1327; Absetzung Papst Johannes XXII. 1328; päsptliche und kaiserliche Publizistik; Kurverein von Rhense 1338; Ludwigs Dekret Licet iuris 1338). Die Goldene Bulle (1356) Kaiser Karls IV. (1346-1378) gab dem römisch-deutschen Reich eine "Verfassung" zur Wahl des Königs, von der der Papst ausgeschlossen war, wiewohl sich die Papstkirche von den Gläubigen in Deutschland immer mehr entfremdete.
_ Die Rückkehr des Papsttums von Avignon nach Rom (1378) eröffnete das "Große Papstschisma" (1378-1417), das erst der römisch-deutsche König Sigismund (1410-1437) auf dem Konzil von Konstanz (1414-1418) beenden konnte (Sigismund als protector ecclesie; Konzilsdekrete Haec sanctae [1414] und Frequens [1415]; Neuwahl eines Papstes 1417). Dem Konstanzer Konzil folgte das von Basel (1431-1449), das indes im Gegensatz zum Papsttum geriet (Verlegung des Konzils nach Ferrara 1437, Basler Rumpfkonzil; Felix V. als Gegenpapst; Wiener Konkordat 1448; Kaiserkrönung Friedrichs III. [1440-1493] in Rom 1452). Am Ende des Mittelalters war das Kaisertum seiner politischen Macht weitgehend beraubt, wirkte aber als "symbolisches Kapital" zur "imperialen Legitimation" weiter fort (universelles Kaisertum, ideologische Wirkmächtigkeit).
 
 Literatur: Goez, Elke, Papsttum und Kaisertum im Mittelalter (= Geschichte kompakt. Mittelalter), Darmstadt 2009; Text: Buhlmann  

Bearbeiter: Michael Buhlmann