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Mittelalterliche
Geschichtsschreibung

Kleinere Ottobeurer Annalen

Die Annales Ottenburani minores gehörten zur Annalen-Historiografie des schwäbischen Klosters Ottobeuren (gegründet 764). Die Annalen setzen mit dem Tod des Ottobeurer Abts Rupert I. (1102-1145) ein, der Berichtszeitraum reicht bis zum Jahr 1416; die Annalen sind nur abschriftlich überliefert.

Edition: Annales Ottenburani minores, hg. v. G.H. PERTZ, in: Monumenta Germaniae Historica. Scriptores (in Folio), Bd.17: [Annales aevi Suevici], hg. v. G.H. PERTZ, 1861, Nachdruck Stuttgart-New York 1963, S.315-318. - Übersetzung: BUHLMANN.

1145. In diesem Jahr starb [der Ottobeurer] Bekenner Rupert [I., 1102-1145] würdigen Angedenkens, Verursacher von Wundern, großartig an Körper und Geist, Abt dieses Ortes [Ottobeuren] 40 Jahre lang, [zum Abt] geweiht an den 7. Iden des November [7. November 1102], im Alter von fast einhundertzwanzig Jahren. Ihm folgte Abt Isingrim [1145-1180].
1153. In diesem Jahr wurde unser Ort [Ottobeuren] durch Feuer zerstört.
1154. Friedrich [I., 1152-1190], ein Verwandter Welfs [VI., †1191], wurde zum König gewählt [1152].
1157. Viel Eis bedrohte alles.
1163. [Der erste Abt] Tuto [von Ottobeuren, 764-814] wurde [nach Auffindung seiner Gebeine nochmals] beerdigt, und der Hauptaltar [des Klosters Ottobeuren] wurde geweiht.
1164. Vor vierhundert Jahren wurde dieser Ort [Ottobeuren] gegründet, mehr als sieben Jahre vor der Gründung Kemptens.
1166. Die Kirchen und die Klöster wurden durch Krieg verwüstet.
1167. Übertragung heiliger Reliquien von Köln. Und der Adlige Ulrich von Rieden gab dieser Kirche sein Erbgut.
1171. Von Kaiser Friedrich [I.] wurde ein Privileg gegeben.
1180. Es starb Abt Isingrim, auf vielerlei Art beteiligt am Erwerb von Gütern und anderen Dingen für die Kirche. Aber er war vor seinem Tod zwei Jahre geistig umnachtet auf Grund des unerklärlichen Ratschlusses Gottes. Ihm folgte Abt Bernold [1180-1194].
Im Jahr der Fleischwerdung des Herrn 1180 starb am Vortag der Iden des Dezember [12.12.] der Abt Isingrim von Ottobeuren. Vor seinem Tod war er zwei Jahre lang in Wahnsinn verfallen, dazwischen durch verschiedene Leiden erschöpft; nachdem er nicht mehr den Verstand wiedererlangt hatte, endete [sein] Leben. Aber seine Krankheit, so wenig sie auch viele sonderbar fanden, wurde von den Menschen dieses Klosters endlich in keiner Weise als selten betrachtet. Sie ertrugen sie nämlich beständig, weil diese Person die Tyrannei gegenüber den Menschen und den Sachen des Klosters ausübte, wenn sie von Sinnen war, und offenkundig einer Strafe in diesem Leben unterlag. Wir lesen dies ähnlich auf alten Blättern über unseren Abt Heinrich [I., 1100-1102] und dem Vogt Rupert [(III.) von Ursin, ca.1100-1125], deren Prior, in äüßerste Angst versetzt, der Welt entzogen wurde, weil plötzlich die Augen aus dem Kopf heraustraten und er nach ein paar Tagen der unwürdigen Krankheit starb. Aber dies möge den Späteren als Beispiel reichen; nun führen wir kurz an, was wir aufgegriffen haben. Als der Abt [Isingrim] starb, wie vorausgeschickt wurde, wurde Berthold, reifer an Lebensalter, von unseren älteren [Mönchen] in das Abtsamt gewählt. Dieser wurde sofort in die Kirche geführt, um seine Wahl zu vollenden, und veranlasste, dass sein am Tag zuvor verstorbener Vorgänger mit vortrefflicher Hingabe der Erde sogleich übergeben wurde. Daraufhin begab er sich mit frommen Äbten und den übrigen, die dabei waren, eine nicht kleine Menge, zu Tisch, um in der Vorhalle zu speisen, und traf inzwischen Vorkehrungen, um am folgenden Tag vor Kaiser Friedrich [I.] in Ulm [1179] zu erscheinen, wobei er neben anderen Graf Heinrich von Ronsberg [1166/82-1191], den Vogt der Kirche, mitnehmen wollte. Und als beide vor dem Kaiser erschienen und die Wahl des Abtes, weil sie kanonisch war, anerkannt wurde, wurde er [Berthold] endlich von dem Fürsten bestätigt und mit den Regalien erhöht. Und dort ist er von der Geistlichkeit des ganzen Hofes mit Eifer in die Kirche geführt worden, und nachdem er die Weihe erhalten hatte, wie es üblicherweise geschieht, wurde er nichtsdestoweniger von den Laien wie [zuvor] an seinem Kloster [als Abt] ausgerufen. Von neuem zum Kaiser zurückgekehrt, verhandelte der Kanzler eifrig mit dem erwählten [Abt] über die Steuern und Leistungen. Hinsichtlich dessen wollte der Kaiser helfen, der Erstere [der Kanzler] erhob die Stimme und sagte, dass es ganz und gar Recht sei, dass dieser [der Kaiser] Herzöge und Grafen und übrige Adlige belehne, dass [aber] der durch das Zepter Belehnte den Hofleuten Schenkungen zukommen lassen müsse. Auf diese Vorhaltungen entgegnete der Abt, dass in seinen Privilegien enthalten sei, dass er von jeglichem königlichen Dienst frei sei, außer dass er für seine Belehnung dem Herrn Kaiser zwei gleiche Hunde als Zeugnis dafür geben müsse. Und ebenso bat er, die Privilegien, die er vom Kloster mit sich genommen hatte, vorzulesen, damit der ganze Hof die Würden und Rechte seiner Kirche erkenne. Daher wurden die Privilegien vorgelesen, nämlich die Ottos [I.] und Lothars [III.] und nicht zuletzt Kaiser Friedrichs selbst. Aber einige vom Hof besprachen diese [Privilegien] Unheil kündend und sagten, dass sein [des Abtes] Recht darin nicht enthalten sei, und mehr und mehr fügten [indes] gegenüber ihrem Herrn [Kaiser] hinzu, dass er befehlen möge, den Abt von der Besteuerung am Hof zu befreien. Daher begehrte der Kaiser, der wenige von den Fürsten seines Königtums an seiner Seite hatte, solches, was er wollte, nicht ohne deren Rat zu bestimmen, um beide Seiten zufriedenzustellen, und kündigte dem erwähnten Abt an, dass er einen allgemeinen Hoftag in Würzburg feiern werde, wohin er ihn gemäß dem ihm von den Fürsten festgesetzten Urteil angelegentlich zu kommen befahl. Und so kehrte er mit der Gnade dieses Fürsten [zum Kloster] zurück und wurde mit der üblichen Aufwartung von uns in der Kirche empfangen. Es stand der heiligste Geburtstag Jesu Christi [25.12.] bevor, und der Herzog Welf [VI.] lud den wartenden Abt freigebig ein zu der besagten Festlichkeit und traf im Dorf Bergatreute [mit ihm] auf ehrenhafteste Weise zusammen; der besagte Herzog fragte ihn, ob sie beide den angesagten Hoftag zusammen erreichen und verlassen sollen. Als dieser [Abt] zustimmte, führte er uns wundervoll genug zu der besagten Stadt. Dort versammelten sich die Fürsten der Schwaben, Franken und Sachsen, und der Fall unseres Nutzens wurde am Hof besprochen, nachdem der Kaiser Anwälte gestellt hatte, um einer von beiden Parteien Recht zu geben. Als aber vergeblich die Verhandlung betrieben wurde, befahl der Kaiser, zum zweiten Mal die Privilegien unserer Kirche vorzulesen und -zustellen. Daraufhin befahl er dem Trierer Erzbischof, den Streit dieses Wortwechsels durch ein gerichtliches Urteil zu lösen. Der fromme Erzbischof wollte um seiner Seele willen nicht den Hofleuten gefällig sein und urteilte, nachdem er den Rat der Fürsten gehört hatte, dass der Abt sicher sei vor der Besteuerung bei Hof, vor dem weit entfernten Hoflager und vor dem ganzen Königsdienst. Dem stimmten die übrigen Fürsten zu, und nach Erhalt der Erlaubnis vom Kaiser kehrten wir mit der Unversehrtheit und dem Recht unserer Kirche fröhlich nach Hause zurück.
1188. Gottfried [I. von Ronsberg, †1166] wurde mit seiner Ehefrau und seinen Eltern in unserem Kloster auf Bitten des Markgrafen Heinrich [von Ronsberg] beerdigt.
1189. Kaiser Friedrich brach mit dem größten Heer nach Jerusalem auf, nach einem Jahreskreis ertrank er im Wasser und starb jämmerlich [1190].
Die Kapelle wurde geweiht. Und der Körper des Priesters Bernold wurde zum Chor des heiligen Michael überführt.
1193. Als Abt Bernold von Kräften und Geist ermattet war, trat er, darum gebeten, von der Klosterleitung zurück, und die Brüder wählten mit den Getreuen der Kirche einstimmig sofort Konrad [I., 1194-1227] [zum Abt].
1197. In ganz Deutschland gab es eine solch große Hungerkatastrophe, dass ein Malter Korn für 30 Schillinge verkauft wurde und ein Malter Weizen für zwei Pfund. Die [Katastrophe] dauerte fünf Jahre hindurch und tötete viele Tausend Menschen.
1198. In diesem Jahr feierte König Philipp [von Schwaben, 1198-1208] Hochzeit [mit Irene von Byzanz] in Gunzenlech [1197].
1204. Weihe dieses Klosters, das vor 11 Jahren auf Grund des Alters zusammengestürzt war und in diesen Jahren wiederaufgebaut wurde.
1208. In diesem Jahr ist Graf Gottfried [II. von Ronsberg, 1191-1208] gestorben.
In diesem Jahr wurde König Philipp - dieser hatte, kanonisch und durch göttliche Fügung gewählt, gegen den berühmten Kaiser Otto [IV., 1198-1218] fast zehn Jahre unglücklich das römische Reich inne - durch Verrat getötet durch die Hilfe der Fürsten des Königtums, der Feinde des Königs des himmlischen Königreichs, weil sie den Frieden hassten und die Unterdrückung liebten. Nachdem jener also ermordet worden war, errang der von Gott geliebte und vorgewählte König Otto durch die Gnade des Königs der Könige gegen den Wunsch der vorgenannten Fürsten ruhmvoll das Reich. Und im folgenden Jahr kam er mit einem umfangreichen deutschen und italischen Heer zur römischen Stadt und wurde vom Herrn Papst Innozenz [III., 1198-1216] in gnadenreicher Salbung zum Christus des Herrn [Kaiser] gemacht wurde und feierlich gekrönt [1209].
1211. In diesem Jahr starb Graf Berthold [von Ronsberg, 1191-1212] [1212].
1212. Der König Friedrich [II.] von Apulien [von Sizilien, 1198-1250; als deutscher König, 1212/15-1250], der Sohn Kaiser Heinrichs [VI., 1190-1197], wurde durch verborgenen Beschluss Gottes, nachdem der damals noch lebende Otto exkommunisiert worden war, vom Herrn Papst Innozenz [als deutscher König] eingesetzt.
1217. Dieser Ort [Ottobeuren] ist durch ein zweites Feuer zerstört worden, und zwei Priester, der eine Mönch und der andere Geistlicher, sind elendiglich gestorben.
1218. Weihe der Kapelle des heiligen Nikolaus.
1219. In diesem Jahr wurde die Vogtei über die Ottobeurer Kirche durch Kaiser Friedrich [II.] von Graf Gottfried [III.] von Marstetten [†ca.1239] für neunzig Mark gekauft und dem König und schwäbischen Herzog Heinrich [(VII.), 1220-1235] zugestanden.
1228. Es starb mit gutem Ende der fromme Abt Konrad, der über 36 Jahre dieses Kloster fromm leitete. Bald folgte ihm in einmütiger Wahl der Herr Berthold [I., 1227-1246] [als Abt] nach, jung an Alter, aber alt an Klugheit und Rechtschaffenheit der Sitten.
1235. In diesem Jahr war Kaiser Friedrich [II.] gezwungen, [das Königreich] Sizilien zu verlassen, wegen der gegen ihnen unfromm stattgefundenen Verschwörung seines Sohnes König Heinrich; er nahm diesen Heinrich in Gefangenschaft und schickte ihn nach Apulien ins Exil. Im folgenden Jahr
1236 belagerte er die Stadt Vincenza und andere Befestigungen, nachdem er von Padua und Treviso wunderbarerweise und glücklich die Unterwerfung entgegengenommen hatte, und [bekam] die gesamte Markgrafschaft Steier und den größeren Teil von Österreich [unter seine Herrschaft].
1241. An den 2. Nonen des Oktober [7.10.] ereignete sich eine Sonnenfinsternis an der Oktav des heiligen Michael im Jahr der Fleischwerdung des Herrn 1241 in der Tagesmitte gegen Süden und Westen.
1246. Als Abt Berthold die Kräfte verließen, trat er auf Rat der besseren Brüder und der Priester und mit Zustimmung des Diözesanbischofs von der Herrschaft zurück. Nach seinem Tod ersetzten sie [die Mönche] ihn mit Zustimmung des ganzen Kapitels durch Walther [1246-1252].
1251. In diesem Jahr starb Kaiser Friedrich [II.] [1250]. In diesem Jahr zog sein Sohn Konrad [IV., 1237/50-1254] nach Apulien [ins Königreich Sizilien].
1273. Im Jahr des Herrn 1273. Graf Rudolf [I. von Habsburg] wurde in Frankfurt zum König [1273-1291] gewählt. Im folgenden Jahr
1274 [am Tag] des Jakobus und Philippus [3.5.] wurde vom Herrn Papst Gregor [X., 1271-1276] das [2.] Konzil von Lyon eröffnet.
1285. Es starb mit gutem Ende der fromme [Ottobeurer] Abt Heinrich [III., 1266-1296], der 30 Jahre lang fromm diesem Kloster vorstand. Bald folgte ihm der Herr Konrad [II., 1296-1312] [1296].
1291. An den Iden des Juli [15.7.] starb der König der Römer Rudolf [I.].
1294. Hermann [von] Nordholz und Heinrich [von] Altmannshofen wurden [in Ottobeuren] Priester.
1298. König Adolf [von Nassau, 1292-1298] wurde [in der Schlacht bei Göllsheim] getötet. Albrecht [I. von Habsburg, 1298-1308] wurde zum König gewählt.
1353. An der Iden des März [15.3.] starb der ehrwürdige Vater und Herr Heinrich [V. von Nordholz, 1322-1353], durch Gnade Gottes Abt dieses Kloster, geboren von Nordholz, der 31 Jahre regierte; und sogleich wurde der Herr Johann [I., 1353-1371] von Altmannshofen gewählt.
1371. An den Nonen des November [5.11.] starb der ehrwürdige Vater und Herr seligen Angedenkens, unser Abt Johann von Altmannshofen.
1416. An den 15. Kalenden des September [18.8.] wurde der ehrwürdige Abt Eggo [Schwab, 1404-1416] dieses Klosters von Eigenleuten des Klosters ermordet, und sein Körper wurde von den Mördern durch ein Fenster der Kirche grausam hinabgeworfen, wie dies den Erkennenden heutigen Tags offenbar ist, und nach ... [Text bricht ab.]

Bearbeiter: Michael Buhlmann

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